Ich verlasse das winterlich klamme Taiwan für einen Kurztrip der besonderen Art – eine Reise nach Singapur mit dem Ziel, den Stadtstaat innerhalb von sieben Tagen zu erkunden. Diese einmalige Erlebnis ermöglicht mir meine indonesische Freundin Sabina, bei deren Familie ich für die Zeit des Aufenthalts unterkommen werde Ich habe ihre Mutter, ihre Schwester Gitta und deren Mann Jeremy, der ursprünglich aus Amerika kommt, noch nie getroffen. Die Mutter spricht kein Wort Englisch, da muss ich mein Indonesisch wohl etwas aufpolieren – ein Wort kann ich schon: Terima kasih – danke.

Singapur empfängt mich mit Hitze, Exotik und rauchfreier Reinheit. Schlechtes Benehmen in der Öffentlichkeit wird hier bekanntlich mit horrenden Strafen und sogar mit dem Tod geahndet. Diese beklemmende Tatsache bleibt im Hinterkopf, zugleich muss ich sagen, dass ich mich nirgends sicherer gefühlt habe. Auch wenn ich für die Zeit meines Aufenthalts nur wage, meine Zigaretten auf sinnlose Weise direkt an den markierten Raucherpunkten an ansonsten praktisch menschenleeren Orten zu verschlingen und sie dort auch ordnungsgemäß zu entsorgen. Sabina entführt mich zuerst nach China Town, hier gibt es die besten Wechselkurse und köstliche Kokosnussmilch. China Towns empfinde ich in der Regel fast als eindrucksvoller als China selbst, Singapurs chinesische Gemeinde macht da keine Ausnahme. Kitsch und Kultur liegen hier eng bei einander, Pagoden und Tempel stehen neben typischen Restaurants und billigen Geschäften, das Viertel zeigt sich pompös und farbenfroh, nachts wie auch tagsüber.

Multikulturelles Flair verbreiten nicht nur meine Gastgeber, sondern auch die ganze Stadt. Zu den verschiedenen ethnischen Vierteln gehören neben China Town auch Little India, Arab Street und Kampong Glam, die malaysische Welt. Jede Ecke hat hier ein ganz eigenes Lebensgefühl, eine eigene Sprache und einen eigenen Stil, die Facetten Asiens scheinen in dieser Stadt vereint zu sein. Während meiner Reise lerne ich sie alle kennen, von einer bezaubernden Basis aus, in der vegetarisch für mich gekocht wird und wo ich in vier Wänden einen Einblick in den Alltag bekomme.

In Singapur gibt es viel zu entdecken, in dieser modernen Stadt unter Palmen stehen Kolonialbauten neben moderner Architektur. Wir nutzen den ersten Abend für einen Spaziergang an der Orchard Road, eine der wahrscheinlich berühmtesten Shoppingmeilen der Welt mit ihren noblen Geschäften, Designerlabels, Shoppingmalls und vielem mehr.

Den zweiten Tag begehen wir mit purer Natur im Bukit Timah Nature Reserve – ferner der Stadt könnte man sich in diesem Dschungel nicht fühlen, der nur eine Busfahrt entfernt ist und von Affen und anderem Getier bewohnt wird, das ich noch nie gesehen habe. Sattes Grün und zahlreiche schöne Wanderwege empfangen den Besucher. Affen sind entgegen der landläufigen Meinung gefährliche Tiere, informiert mich meine Freundin. Zwar sind sie hier nur so groß wie eine Handtasche, trotzdem können sie dem Wanderer genau diese mit beeindruckendem Geschick stehlen, oder einem gar die Augen auskratzen. Trotzdem bin ich zu Sabinas Entsetzen begeistert von den kleinen Tierchen, die uns auch in den folgenden Tagen im MacRitchie Reservoir Park wieder begegnen, als wir uns auf den Weg zum berühmten Treetop Walk machen – der letzten Endes geschlossen hat. Der Spaziergang durchs Grüne war den Ausflug allerdings in jedem Fall trotzdem wert!

Nach den Abenteuern in der Natur mit ihren garstigen Kindern ist Sabina froh als die Zivilisation uns wieder hat und wir durch die eher unauffällige Arab Street mit ihren Geschäften, in denen Körbe, Schmuck, Batiken und vieles mehr verkauft wird, und dann durch Little India spazieren. Hier fühle ich mich mitten in Indien in einer eigenen kleinen Stadt mit beeindruckenden hinduistischen Tempeln, kleinen Geschäften, Lokalen und Märkten mit einer unvorstellbaren Vielfalt an Gerüchen. Indische Musik läuft im Hintergrund, die indische Sprache ist alles, was man auf den Straßen zu hören bekommt. Auch Kampong Glam hat einen eigenen Stil mit Moscheen an jeder Straßenecke, gemütlichen Cafés, Restaurants mit mittelöstlicher Küche und Geschäften, in denen typische Textilien und Kunsthandwerk verkauft werden. Besonders beeindruckend sind die verschiedenen ethnischen Viertel bei Nacht, wenn die Gotteshäuser hell erleuchtet werden und die Straßen voller Menschen sind.

Singapur bietet nicht nur Einkaufsmöglichkeiten und üppiges Grün, sondern auch Museumskultur, zum Beispiel im Nationalmuseum, in dem ich zu ersten Mal in meinem Leben etwas über die Geschichte des Stadtstaates erfahre, oder im Singapore Art Museum, in dem Modernes von unterschiedlichen Künstlern ausgestellt wird.

Downtown befindet sich in einer nicht sterilen, aber doch wohlgeordneten Umgebung aus Kolonialbauten und gepflegten Gärten auch das berühmte Raffles Hotel, das nach dem Gründer der Stadt benannt wurde. Hier wurde im Jahr 1915 der klassische Cocktail Singapore Sling erfunden. Unser Geld reicht leider nicht aus für einen Besuch der Hotelbar, dafür setzen wir uns abends an den Singapore River. Im Herzen der Stadt findet man direkt am Wasser zahlreiche Restaurants, Pubs und Bars sowie ein buntes Treiben im Freien mit kostenloser Livemusik.

Auch die nächsten Tage werden mit den unterschiedlichsten Ausflügen gefüllt.

Wenn man bevorzugt Tiere in freier Wildbahn beobachtet, ist eine Nachtsafari im Singapur Zoo nicht das unvergessliche Erlebnis, das der Titel vollmundig verspricht. Trotzdem hat es mir Spaß gemacht, einen Zoo auch einmal im Dunkeln zu besuchen. Für Familien lohnt sich der Trip in jedem Fall.

In Sungei Buloh finden wir uns im Sumpf wieder und suchen angestrengt nach Krokodilen. Diese sind nicht zu finden, dafür aber die dinosaurierartigen Reptilien, die uns bereits in Bukit Timah begegnet waren. Der Rundweg über die Holzstege macht in jedem Fall Spaß, lohnt sich allerdings vor allem für Vogelfreunde.

Ein ganz anderer Trip ist der Ausflug aufs paradiesische Sentosa Island. Zu erreichen ist die künstliche Vergnügungsinsel, die wie ein Spielplatz für die ganze Familie anmutet, mit einer Seilbahn. Angekommen fühle ich mich wie in einem Disneyland. Bunte Meeresungeheuer schmücken die Wege, am schneeweißen, künstlich aufgeschütteten Sandstrand tummeln sich Jugendliche und Familien, die ihre Freizeit genießen. Hier finden Erholungsbedürftige alles, was sie sich wünschen vom Sandstrand über Bars und Restaurants bis hin zu spektakulären Shows in den Abendstunden. Wir genießen die Sonne am Strand und sind froh, einmal nicht kilometerweite Strecken in brütender Hitze zurücklegen zu müssen.

Beschaulich zeigten sich auch der chinesische und der japanische Garten, für einen ruhigen Rundgang lohnen sie allemal und verzaubern mit ihren schön angelegten Wegen, Themengärten, Gewässern und beschnittenen Pflanzen. Singapur bietet innerhalb der Millionenmetropole zahlreiche Rückzugsmöglichkeiten für seine Einwohner und Besucher, die Stadt, die auf den ersten Blick wie ein Hochhausdschungel wirken mag, besitzt viele Gesichter.

Vermissen werde ich zahlreiche Dinge von Köstlichkeiten, die ich vermutlich nie wieder in dieser Form genießen werde wie Bandung, ein milchiges Getränk, das nach Rosen schmeckt, Gado Gado, also Gemüse mit Erdnusssauce, oder Rojak, ein malaysisches Gericht mit vielen verschiedenen Zutaten, das man sich direkt vom Koch zusammen stellen lassen kann, sofern man seine Sprache spricht. Dank an Sabina.

Singapur, die Stadt des Löwen, ist ein Ort, an dem man weit mehr als einen Stopover verbringen kann. Der Stadtstaat bietet zahlreiche Facetten mit den Annehmlichkeiten einer Großstadt, vielfältigen kulturellen Angeboten und mehr Natur als ich erwartet hätte. Man kann sagen, dass wir Singapur wirklich von vorne bis hinten durchkämmt haben – ich fahre nicht mit dem Gefühl nach Hause, eine Attraktion verpasst zu haben.

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